7. Kapitel: BARMHERZIGKEIT |
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Dabei ist es sehr tröstlich zu wissen, dass Gott, obgleich gerecht, doch sehr viel milder richtet als die Menschen, denn Gott ist Barmherzigkeit. Seine Barmherzigkeit ist grenzenlos, aber sie ist nicht bedingungslos [vgl. Mt 6,12]. In der Bergpredigt preist Jesus jene selig, die selbst barmherzig sind, „denn sie werden Erbarmen finden” (Mt 5,7). Er warnt vor dem Urteilen über Menschen, „denn mit dem Urteil, mit dem ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch gemessen werden”(Mt 7,2). Bei Jakobus aber heißt es: „Ohne Erbarmen wird das Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit übt. Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.” (Jak 2,13) Sehr eindrücklich kommt dies zum Ausdruck im Gleichnis vom König, der sich eines Knechtes erbarmt und ihm seine Schuld von 10.000 Talenten [≈ 100 Millionen Denaren] erlassen hat. Als dann aber dieser Knecht hartherzig war gegen einen Mitknecht, der ihm nur 100 Denare schuldete, sprach der König: „Du böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir nachgelassen, weil du mich gebeten hast! Hättest nicht auch du deines Mitknechtes dich erbarmen sollen, wie auch ich mich deiner erbarmt habe?” (Mt 18,32 f.) Und Jesus fügt hinzu: „So wird auch mein himmlischer Vater mit euch verfahren, wenn ihr nicht, ein jeder seinem Bruder, von Herzen verzeiht.” (Mt 18,35) Ansporn zum Guten Ein Christ sollte immer im lebendigen Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott leben und im Hinblick auf den Tag der Rechenschaft. Dazu wird er im klassischen Ritus der Kindertaufe ermahnt, wenn der Priester ihm gleich nach der Taufe das Kleid überreicht: „Empfange das weiße Kleid und bringe es makellos vor den Richterstuhl unseres Herrn Jesus Christus.” Und dann die Kerze: „Empfange das brennende Licht und untadelig bewahre deine Taufe. Halte die Gebote Gottes. Wenn dann der Herr zur Hochzeit kommt und mit ihm alle seine Heiligen am himmlischen Hof, dann kannst du ihm entgegen gehen, und du wirst leben in Ewigkeit.” Durch den Glauben und die Liebe zu Gott verliert der Gedanke an das Gericht seinen Schrecken. Jesus hat ja gesagt: „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer auf mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod hinüber geschritten ins Leben.” (Joh 5,24) Vielmehr soll uns der Gedanke an die nahende Abrechnung über die uns von Gott anvertrauten Talente [vgl. Mt 25,19] ein mächtiger Ansporn zum Guten sein. Diese Konsequenz zieht der hl. Apostel Paulus, wenn er sagt: „Solange wir also Zeit haben, wollen wir Gutes tun an allen, vornehmlich an denen, die uns nahe stehen im Glauben.” (Gal 6,10) Es wäre töricht, sich Schätze nur auf Erden zu sammeln, denn man kann ja gar nichts mit hinüber nehmen in die Ewigkeit. Das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen. Wer nur auf diese Welt baut, wird am Tag des Gerichtes sehr enttäuscht sein, denn alles wird ihm wie Sand zwischen den Fingern zerrinnen. „So geht es dem, der Schätze sammelt für sich und nicht reich ist vor Gott.” (Lk 12,21) Um reich zu sein vor Gott, muss man die Schätze dort sammeln, wo weder Motte noch Rost sie verzehren und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen [vgl. Mt 6,19]. Dazu empfiehlt der hl. Franz von Sales, jeden Morgen mit einer guten Meinung zu beginnen: „Denke daran, dass der gegenwärtige Tag dir gegeben wurde, damit du durch ihn die Ewigkeit gewinnst. Nimm dir fest vor, den Tag dafür gut zu nützen.” (Philothea II,10)
An seinen Schüler Timotheus schreibt Paulus die hoffnungsfrohen Worte:
„Nun liegt mir bereit der Kranz der Gerechtigkeit, den mir überreichen
wird der Herr an jenem Tag als der gerechte Richter; nicht nur mir, sondern
auch allen, die in Liebe zugewandt sind seinem Erscheinen.” (2 Tim 4,8) Im Gericht wird das gesamte Leben des Menschen geprüft, all sein Denken, sein Reden und sein Tun. Der hl. Apostel Paulus vergleicht es mit einer Feuerprobe, wenn er sagt: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, das ist Jesus Christus. Ob einer auf diesen Grund Gold baut oder Silber, Edelsteine, Holz, Heu oder Stroh, eines jeden Werk wird sichtbar werden; denn der Tag des Herrn wird es erweisen, er offenbart sich ja im Feuer, und wie beschaffen das Werk des einzelnen ist - das Feuer wird es erproben.” (1 Kor 3,11 - 13) Deshalb ist es klug, schon in diesem Leben die Dinge stets nach ihrem Ewigkeitswert zu beurteilen. Erst aus dieser Perspektive sieht man alles im richtigen Licht. Man lernt zu unterscheiden zwischen dem, was vergänglich ist, und dem, was bleibt, zwischen dem, was gut und was schlecht ist, zwischen dem, was unserer Seele nützt, und dem, was ihr schadet, um dann alle Dinge so weit zu gebrauchen, wie sie uns zu dem Ziel hin fördern, zu dem wir geschaffen sind, und sie so weit zu lassen, wie sie uns daran hindern [vgl. Exerzitien des hl. Ignatius]. So werden wir am Tag des Gerichtes die ‚Feuerprobe’ gut bestehen, auf dass unser Glaube sich als echt erweist „und als weit kostbarer als vergängliches, im Feuer geläutertes Gold” (1 Petr 1,7). |
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